Sie heißen Adria,
Eriba, Monsun, Schwarze Pumpe oder Friedel. Sie kommen aus Teltow, Neuenhagen, Strausberg und Werder. Ohne fremde Hilfe hätten sie es nie bis in die Uferhallen geschafft. Zwei Männer mussten sie schieben, transportieren, auf- und abladen. Als sie auf dem Innenhof abgestellt wurden, konnte man ihnen sofort ansehen, dass sie Einiges hinter sich haben. „Für Sammler und Bastler“, betonten die Verkäufer.
Jetzt stehen die Wohnwagen für die nächsten Wochen in der so genannten Fertigmacherei der Uferhallen. Über Inspektionsgruben scheinen sie zu schweben, als wären sie nicht von hier. Von den Trailern umschlossen, öffnet sich in der Mitte ein kleiner Platz. Auf dieser Piazza sollen während der vier Tage und Nächte dauernden Tanznacht Konzerte, Lesungen, Workshops stattfinden. Zwischen Wohnwagen entsteht ein Ort für Begegnungen nach den Aufführungen.
Bis zum Beginn der Tanznacht bauen Choreografen und Tänzer die Wohnwagen nach ihren Vorstellungen um. Dafür inspizieren sie die Trailer, prüfen sie von oben bis unten, öffnen Türen, Fenster und Klappen, verschieben Trennwände, vermessen Wände, Höhe und Breite. Spitze Finger fassen alte Vorhänge und Polsterbezüge an, montieren Lampen ab und kritzeln schließlich Ideen auf ein Stück Papier. Am Ende klebt ein Zettel an der Türe: Meiner.
Während der Tanznacht machen sich die Künstlerinnen und Künstler dann in den Trailern breit und laden ein: zu Handlesen, Massage, Traumdeutung, Telefon-Sex, Schlafpausen, Trinkgelagen, Konzerten, Lesungen, gemeinsamem Wohnen, Videoinstallationen, kreischenden Italienerinnen in Andachtsräumen, verspiegelten Überwachungshöhlen, billigen Absteigen oder idyllischen Love-Hotels.
Wenn Gäste, Künstler, Publikum zur fortgeschrittenen Stunde nicht mehr nach Hause gehen möchten, können sie ihr müdes Haupt in einem der Wohnwagen zur Ruhe betten. Für Matratzen, Kissen und Decken ist gesorgt. Am nächsten Morgen starten sie vom Schlaf erquickt und durch Frühstück gestärkt in einen neuen Festivaltag mit Training, Workshop, Lecture Performances, Kino, als gäbe es kein Ende. Der Trailer-Park folgt der Idee von Verwandlung durch ständige Benutzung. Die Interventionen machen das soziale Miteinander zu einer Bühne, die sich im gemeinsamen Durcheinander von Besuchern und Künstlern kontinuierlich verändert. Wo beginnt das Spielen, wo hört Zuschauen auf?
Am Sonntag schließt der Trailer-Park (und die tanznacht berlin '08) mit einem großen Wohnwagen-Schlussverkauf und unserem Aufruf: Kaufen Sie Ihr Lieblingsstück, holen Sie sich den Wohnwagen, den sie ins Herz geschlossen haben, der Sie verführen, stimulieren, inspirieren, erheitern, erregen oder begeistern konnte und machen ihn wieder flott. Da wäre eben jener Friedel. Er ist klein und quadratisch, ein entzückender und berührender Wohnwagen aus den 60er Jahren. Es gibt Pläne, ihn am letzten Tag öffentlich zu zertrümmern oder gar in Rauch aufgehen zu lassen. Wenn Sie Friedels Ende verhindern wollen, unternehmen Sie etwas. Wenn Sie ihn schon nicht entführen wollen.
Mit: Paul Gazzola, Andreas Müller & Bo Wiget, Friederike Plafki, ON AIR (Frauke Havemann/Eric Schefter/Neal Wach), Alessio Trevisani, Antonia Baehr, Astrid Endruweit, Peter Trabner & Friends, Robin Detje & Elisa Duca, Felix Ott & Rob Liethoff, Raliza Nikolowa & Maik Riebort, Anna Myga Kasten, Rhys Martin, Rita Robert, Hochschulübergreifenden Tanz-Zentrum mit den Studienprogrammen BA CCC, MA SODA und MA Choreography, Gesten-Seminar der Tanzwissenschaft der FU Berlin u.v.a.
(Tagesaktuelles Programm ab 1.12.)

