Falls Sie sich für Choreografie interessieren,
gibt es vier Möglichkeiten, Choreografie zu betrachten: Erstens im Theater – dort ist der Tanz mal eine eigene Sparte, mal in Oper, Operette und Musical unterwegs. Er hat seine eigenen Königinnen wie Pina Bausch, die aus der blanken Situation, am Theater zu tanzen, das Tanztheater erfand. Dann gibt es Tanz, der wie Kunst betrachtet werden will, was mithin dazu führt, dass im zeitgenössischen Tanz nicht mehr getanzt wird, weil man ihn dort Performance nennt. So nähert sich der Tanz der Kunst und der Arbeit an: als Leistung (die auf Englisch ‚performance’ heißt). In diesem Sinn darf man sich Tanz überhaupt als sportlichen Wettbewerb vorstellen, der im Ballett ebenso zur Grundlage der Karriere gehört, wie er beim Break Dance zum Battle taugt oder in diversen Fernsehshows zur ‚Endausscheidung’ von Kandidaten, bei dem es wie beim Eistanz nur Sieger und Verlierer gibt. Schließlich hat man zumindest davon gehört, dass Tanz auch einfach so getanzt werden kann, wie bei einem Fest. Wenn auf einem Fest nicht getanzt wird, ist das Fest ein Elend. Das wahre Elend aber ist: dass unsere Kultur sehr wohl den Wettbewerb, die Performance und das Theater fördert, das Fest aber einer ganz anderen Kultur angehört. Aber die hat als Gegenteil von Arbeit (Wettbewerb, Leistung, Repräsentation) keinen Stand mehr.
Das Fest hat keinen guten Stand
Es kostet Geld, Verantwortung für die, die eingeladen sind, und: Ein Fest kann man nicht konsumieren. Deshalb nicht, weil das Fest selbst die Antwort auf den Konsum ist. Das Fest ist das Pendant zum Geschenk. Ich schenke, Du gibst mir ein Fest. Ich opfere etwas, Du verhilfst mir zu einem Spiel, einem Tanz, einem Essen, zu einem Getränk, zu einer neuen Bekanntschaft. Das ist eine Menge mehr im Vergleich zu meinem kleinen Opfer, einem Strauß Blumen oder sonst einer Geste, die ich anbringe. Du musst mein Geschenk überbieten, weil Du Geburtstag hast. Das Fest kostet womöglich mehr als das Fahrrad, das man Dir geschenkt hat. Absurd. Warum sollte so ein Fest Kultur sein? Zumal an die Stelle des Fests längst die andere Kultur des Theaters oder des Kinos getreten ist, als eine vernünftige Kultur mit vernünftigen Erlösen. Was Kultur in der heutigen Bedeutung des Worts ausmacht, ist ein fairer Tausch zu Gunsten der Kultur: Gib Dein Geld für Bildung und für Deinen Genuss, gib Geld, um selbst gebildet und genießend zu sein (sein zu müssen). Denn genau das vermag das Fest nicht. Und so kommt das Wissen, wie man feiert, wie man aufmerksam gegenüber Mitfeiernden ist und diese genießt, in unserem Kulturbegriff nicht vor.
Wissenskultur
ist das Schlagwort heute. Dieses Wort unterstellt indirekt, dass es eine Kultur geben muss, die nichts oder nur wenig weiß. Den Karneval zum Beispiel. Was weiß er? Wen bildet er? Oder der Tanz, der gern als dumm weil wortlos hingestellt wird? Aber der Tanz, nicht der Karneval ist von der Kulturpolitik auserkoren, ein Wissen in sich zu tragen. Zu wissen, wie man tanzt. Denn im Tanz, als Ballettunterricht, als Tanz in Grundschulen, in der berüchtigten Tanzstunde, steckt all das, was über Jahrhunderte aus Pflicht überlebt hat: das Beherrschen von Schritten. Tanz ist nicht das Gehopse eines Kindergeburtstages, keine Erwärmung der Kinder fürs Fest, nicht die Choreografie immer neuer Spiele bis zur glücklichen Erschöpfung der eigenen Brut. Sondern die vernünftige Beherrschung des Körpers, der ab einem bestimmten Grad von Können dazu befähigt, sogar im Theater stattfinden zu dürfen. In jener Anstalt also, die das Wissen durch lebendige Körper vernünftig bewahrt, während Karneval und Tanzfest aus dem kulturellen Bestand entlassen und ihren Sponsoren übergeben wurde. Damit wird das Fest zunehmend privater, der Tanz immer öffentlicher gefördert. Es ist somit ein Keil getrieben zwischen zwei, die einst zusammen gehörten: zwischen Tanz und Fest, zwischen Kunst und Fest, auch zwischen Öffentlichkeit und ihrem Fest.
Leistung
ist der Schlüssel. Indem das Fest restlos privatisiert und das Theater restlos der Öffentlichkeit überantwortet wurde, sind wirklich private Theater so selten wie Feste, die nicht vom Willen ihrer Sponsoren abhängen. Der Grund dafür ist praktisch: Wie beim Geburtstagsfest ihres Kinds müssen die Eltern für das Fest viel leisten, oder aber sie leisten sich und den Kindern anstelle des Fests ein Quäntchen jener Kultur, die etwas leistet. Man nennt sie irreführend die ‚bürgerliche Kultur’, obwohl der Bürger auf der Bühne nur jene Leistung zu sehen bekommt, die er selbst nicht leisten will. Tatsächlich erlaubt die Theaterkultur dem Bürger, außerhalb seiner Kultur zu bleiben, was er gleich mit Kunst verwechselt. Die Show, die er gegen Eintritt betrachtet, soll ihm fremd scheinen, exotisch, ‚mal was anderes’ zeigen, sich jedenfalls nicht einmischen in seine Sphäre. Das romantische Ballett einer fernen Historie, die fremde Kultur des HipHop, eine Show irischer Stepptänzer raunen ihm von Welten, die er nicht betreten kann, weil ihm der Körper fehlt so zu tanzen, wie die da auf der Bühne. Das bewundert er, und hat dieses Vergnügen in den 1990ern nach dem Österreicher Robert Pfaller ‚Interpassivität’ genannt: ‚Ich tanze nicht. Ich lasse tanzen’. Auf einem wirklich ‚bürgerlichen’ Fest wäre das schlicht unmöglich.
Der Bürger
sagt: „Na und“. Sein Fest ist nun sein Theater. Und besser noch: Endlich kann er seine zuvor aktive Position auf dem Fest mit einem Stellvertreter tauschen, mit einem Tänzer oder Schauspieler auf seiner Bühne. Diese Bühne lässt er fördern und fordert dafür von ihr, was er zu sehen wünscht. Oder auch nicht, denn er ist nicht länger der Tradition verpflichtet, dieser kostspieligen Verausgabung eigenhändig nachzugehen und sein Geld etwa in den Bau einer Holzburg zu stecken, in die Neukostümierung seines Nachwuchses sowie ins Auffahren von Essen und Trinken. Jetzt ist er im Gegenteil der Buchhalter, der dieses Theater von derselben Ferne aus betrachtet, wie sein eigenes Geschäft: als gewinnbringendes Unternehmen mit angestellten Vertretern seiner verlorenen Mühe, nun selbst nicht mehr singen, spielen und tanzen zu müssen. Er muss es nicht mehr können. Es lockt ihn, seine Kultur, die er längst an die Stadt als Stadttheater und an deren Buchhaltung abgegeben hat, ganz zu erübrigen, weil er sie nicht mehr feiert. Feierliche Verluste macht er fortan lieber auf dem Sportplatz, trauert über den Abstieg seiner Mannschaft und macht sich ein Fest über jeden Punktsieg. In diesem Spiel findet er wieder, was er ans Theater verlor: seine Teilhabe am Spektakel.
Weggeblendet
ist der Zuschauer. Verbannt in eine quasi außerirdische Position. Sein tiefer Glaube an die Bühnenkante lässt ihn zurückweichen. Eine unsichtbare Grenze ist gezogen auch zu den kleinsten Bühnen. Noch dort, wo die Zuschauer unmittelbar zu Füßen der Tänzer vor der ersten Sitzreihe kauern, heißt es: bloß keinen Schritt weiter. Der Ort der Bühne ist heilig. Diese imaginäre Grenze, der Rahmen der Bühne, trennt alles, was im Fest noch zusammengehört. Ein dem Altar oder der Kanzel nicht unähnlicher Bühnenort ist geschaffen, der sauber teilt. Der statt einer wirklichen Teilnahme, also einer körperlichen, eine nur noch denkbare Realität durch stille Affekte schaffen will. Denn was, außer sich etwas zu denken, vermag das Publikum noch hier? Das Theater stellt den Körper still, und die Körper, die sich noch bewegen, auf der Bühne, verkörpern etwas anderes. Durchaus im Sinn von ver-stehen. Also nicht stehen. Tanzen. Doch noch.
Der Text ist mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen aus: Arnd Wesemann: IMMER FESTE TANZEN. ein feierabend! Transcript Verlag, Bielefeld 2008.

